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Weser Kurier 20.09.2017

Die Negation des Staates

 

Das Alte Sportamt, einen Steinwurf vom Weserstadion entfernt, wäre eigentlich kaum der Rede wert. Ziemlich bunt und trotzdem eher unscheinbar präsentiert es sich von außen. Doch als Zentrum der linken Szene hat es Bedeutung für Bremen und die ganze Region. Seit gut zwei Jahren ist das Gebäude besetzt, zu den angedrohten Zwangsräumungen kam es aber nie – und nun soll mit den Besetzern ein Vertrag geschlossen werden.

Deren Selbstdarstellung im Internet liest sich harmlos. Ein „selbstorganisierter und unkommerzieller Raum“ solle das Alte Sportamt sein, der „frei ist von aggressiven Leistungserwartungen, sexistischem Rollenverhalten, Rassismus, Homo-/Transphobie und Antisemitismus“. Ein Solikonto „für Gerichts- und Repressionskosten“ im Namen der Roten Hilfe Bremen lässt etwas tiefer blicken. Es liegt nahe anzunehmen, dass die gewalttätigen G 20-Proteste von Peterswerder aus unterstützt  wurden. Ansprechpartner gibt es nicht – die Aktivisten handeln stets im Kollektiv und anonym.

 Bestärkt von ihrer Partei möchte Finanzsenatorin Karoline Linnert diesen Zustand festschreiben. Kai Wargalla, die Grünen-Landeschefin und Abgeordnete, die in der außerparlamentarischen linken Szene aktiv ist, hat den Vertrag angebahnt.

Es gibt Beispiele für diese Strategie der Einbindung, etwa die Hafenstraße und die Rote Flora in Hamburg. Dort hat sich gezeigt, was sich hier andeutet: Wer einen Vertrag mit Hausbesetzern schließt, schafft zwar einen neuen rechtlichen Status. Aber die Probleme enden damit nicht von selbst. Denn offensichtlich sehen die Bremer Aktivisten das Alte Sportamt auch künftig als einen Ort, an dem ihre eigenen Gesetze gelten. Wenn aber der Staat rechtsfreie Räume zulässt, negiert er sich selbst. Das sollte er nicht tun, auch in Bremen nicht.

30. Sitzung der Stadtbürgerschaft 19.09.2017

Weser Kurier 19.09.2017

Altes Sportamt: Besetzer und Stadt vor Einigung

Im Streit um das seit Jahren besetzte Alte Sportamt scheint eine Lösung in Sicht. Die Besetzer haben bereits einen Leih-Vertrag unterschrieben. Am Dienstag ist dieser Thema in der Bürgerschaft.

 

Im Streit um das Alte Sportamt haben sich die Besetzer und die Stadt angenähert. Wie Peter Schulz von Immobilien Bremen bestätigt, liegt der Stadt ein Leih-Vertrag zur Unterzeichnung vor, den der Verein „Klapstul“ bereits unterzeichnet habe. Die Stadt habe ihn jedoch noch nicht unterschrieben. Zunächst solle die heutige Parlamentsdebatte abgewartet werden.

Über den Inhalt will Schulz nichts sagen. Nur soviel: „Der Vertrag ist aufgrund langer Verhandlungen mit dem Verein zustande gekommen.“ Dem Vernehmen nach dürfen die Besetzer das Gelände und das Gebäude während der Sommermonate nutzen, nicht aber während der  Hochwasserperioden, zum Beispiel im Frühjahr. Buten und Binnen will erfahren haben, dass es um eine künftig mietfreie und weitgehend unbefristete Nutzung geht. Das Alte Sportamt war knapp zweieinhalb Jahre besetzt, die Verhandlungen über eine legale Nutzung mehrfach gescheitert. Sogar von Zwangsräumung war eine Zeit lang die Rede.

Sprengel für alle

Ute Wieners liest aus „Sprengel für alle“.

Im Sommer 1987 besetzen junge Leute Gebäude der ehemaligen Schokoladenfabrik Sprengel in der Nordstadt von Hannover. Das Gelände wird zum Magneten für Menschen und Initiativen mit den unterschiedlichsten Motiven. Auch BürgerInnen aus dem Stadtteil unterstützen die BesetzerInnen. Bald heißt es: „Sprengel für alle“. Denn alle sind willkommen.

Der gemeinsame Kampf über die üblichen gesellschaftlichen Schranken hinweg ist die Stärke der BesetzerInnen und gleichzeitig ihre größte Herausforderung. Sie gehen ungewöhnliche Kooperationen ein, hecken grandiose Pläne und Aktionen aus und versuchen sich in improvisierten Baumaßnahmen. Doch wenn es gerade keine Konflikte mit Stadt, Staat und Polizei gibt, werden die Ressentiments untereinander zum Hauptinhalt. Mackertum und Sexismus, Drohungen und Angst bestimmen mehr und mehr den Alltag. Zudem steht das Sprengelgelände im Zentrum der Chaostage, die bundesweit und international Schlagzeilen machen. Schließlich eskaliert der Konflikt zwischen zwei verfeindeten Gruppen, den PunkerInnen und den Autonomen.

Sprengel für alle ist eine packend und witzig erzählte Kultur- und Politikgeschichte der 1980er und 1990er Jahre. Seinen Reiz entwickelt das Buch durch die radikal subjektive Perspektive einer ungewöhnlichen Erzählerin: Mit den Augen dieser ebenso eigensinnigen wie liebenswerten Einzelgängerin verfolgen die LeserInnen den Zusammenstoß verschiedener Strömungen der Polit- und Jugendkulturen. Die angesprochenen Themen sind heute, in Zeiten von steigenden Mieten und Umstrukturierungen in den Stadtteilen, so aktuell wie damals.

Freitag, 15. September 2017 | 20 Uhr